Meine Katasymbiontin Bellatrix rollt meistens nur mit den Augen, wenn ich freudestrahlend vom Trödler wiederkehre – ein Signal hauptsächlich der Resignation, vielleicht aber auch ein bisschen iro­nisiert, hoffe ich. Um so überraschter war ich vorgestern, als ich mit nur zwei Neuerwerbungen nach Hause kam, sie jedoch völlig geschockt, also kreidebleich und der Muttersprache beraubt, nach dem Obstler griff. (Ich war gern behilflich.) Zugegeben, wer braucht schon ein mechanisches Klavier, zu­mal eines, das nicht etwa automatisch Musik macht, sondern herumfährt und Getränke serviert? Es hatte einem Dotcom-Fritzen mit einem riesigen Wohnzimmer gehört, in dem er regelmäßig große Gesellschaften empfing, und die Gäste konnten dann etwas klimpern, während der Drink gemixt wurde. Unsere Stube war zugegebenermaßen nicht ganz so geräumig und stand auch schon ziemlich voll (wir empfangen zumeist zu Gartenpartys), also mussten wir erst einmal ein wenig rangieren, be­vor das gute Stück neben Dampfradio und Couchgarnitur Platz fand. Mein zweites Item war ein schlichtes kleines Holzbrett mit genau 49 Bohrungen, in denen winzige Glasphiolen steckten, Par­fumpröbchen nicht unähnlich. An jedem der Löcher war ein kleiner Name eingraviert, und der Ver­käufer hatte mir im Flüsterton offenbart, die Ampullen beinhalteten die ganze Essenz der jeweiligen Person, freilich ohne Hinweis darauf, wie diese extrahiert worden wäre. Schade war auch, dass die interessantesten Extrakte (von Alfred Jarry etwa oder Charles Dexter Ward) bereits fehlten, wohinge­gen Langweiler wie Karl der Vierte oder Maria Furtwängler noch der Entnahme harrten. Also testete ich vorsichtig einzelne Tröpfchen. Ich ließ Einsteins Geruch auf mich wirken, schleckte an der Furt­wängler, träufelte mir Lady Gaga in die Augen und schrieb mir mit Konrad Adenauer „Keine Experi­mente!“ hinter die Ohren. Nichts passierte. Enttäuscht entleerte ich alle Phiolen in den Wassertank meiner Entropie-Kaffeemaschine, stopfte das Sieb mit der dunkelsten verfügbaren Bohne und gab 170 Atü. Trixi blieb beim Obstbrand und übte überdies seit einer halben Stunde den Flohwalzer, also gönnte ich mir den ganzen Sud, zerschmetterte die Tasse an der Wand (das machen wir immer so) und lehnte mich in Erwartung der ultimativen Erkenntnis auf dem Sofa zurück – also zwischen Bella­trix und einem ausgestopften Eselfohlen, das vor etwa zwei Monaten bei uns Asyl gefunden hat. Die Wirkung des Gebräus war tatsächlich ungewöhnlich: Zuerst kam nur ein Schluckauf, dann juckte mein rechtes Knie und ich wurde von ein akustischem Flashback mit den schönsten Sentenzen aus dem Munde von Oberinspektor Derrik heimgesucht. (Der übrigens fehlte in der Matrix der Neunund­vierzig!) Schließlich aber kroch die ungefilterte Wahrheit über Alles und Jeden durch meine Hirnwin­dungen und schraubte sich in mein Bewusstsein. Es erschloss sich mir das komplette Weltprinzip, das bestimmt irgendwann einmal als vierter Hauptsatz der Thermodynamik Einzug in die Lehrbücher finden wird. Mit Rücksicht auf alle Beteiligten behalte ich die Einzelheiten jedoch vorerst lieber für mich.

02/2019