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Wenn Sie diese Zeilen lesen, ist es schon längst zu spät. Dabei hätten Sie Ihre wertvolle Zeit doch viel besser nutzen können.

Sie hätten (Heinrich Böll rechnet es uns vor) einmal mehr mit dem Fischerboot herausfahren, ein weiteres Feld abernten oder eine Rede schreiben können, um Ihren materiellen Wohlstand zu mehren, Vorkehrungen für das Alter zu treffen und vor allem: Sicherheit zu erlangen, oder zumindest einen Wettbewerbesvorteil, denn der Teufel erleichtert sich (das haben uns die Herren Nonnenmacher, Zetsche und Wolfowitz vorgerechnet) auf den (besser: dem) größten schon existierenden Haufen. Und wer wäre dieser größte Haufen, wenn nicht Sie?

Sie hätten sich auch um Ihr Seelenheil sorgen können und erbaulichere Texte, die zur höheren Ehre GOttes verfasst wurden, zur Kenntnis nehmen können. Reichtum können Sie nicht mit herübernehmen, was auch immer auf der anderen Seite Ihrer wartet. Doch um die Gnade des HErrn zu erlangen oder die nächste Sprosse auf der Reinkarnationsleiter zu erklimmen, bedarf es guter Taten oder zumindest reiner Gedanken. Verschenkt!

Das schert Sie alles gar nicht? Sie sind dem Sein ebensowenig Knecht wie dem Haben? Ein Intellektueller gar, der nicht einmal einem armselig daherdefinierten Bildungsideal hinterherstolpern mag und deshalb die Zeit für objektiv sinnvollere Lektüre nutzen will? (Und kommen Sie mir jetzt nicht mit Relativismen!) – Sparen Sie sich die Antwort, sondern lassen Sie mich von einem Freund berichten.

Seine Eltern hat er nie gekannt. Er war ein hübscher Kerl, hochgewachsen und von angenehmem Wesen. Doch schon als kleiner Junge bemerkte er in seinem Bauchnabel eine kleine goldene Schraube, deren Ursprung ihm weder Amme noch Vormund glaubhaft erklären konnten und deren Existenz sich nicht verheimlichen ließ. Die Jugend war reine Pein, denn sie stand ganz unter dem Zeichen der Schraube. Obwohl er Träume zu deuten verstand und Gerüche über das Telefon wahrnahm, musste er die Schweine füttern und Essigwasser trinken. Zu essen bekam er meist nur die abgeschnittenen Brotrinden, die man beim Kindergarten für höhere Töchter über den Zaun warf. Freundschaft, Liebe, selbst Mitgefühl waren nicht für ihn. Allein der Bestatter und der örtliche Pfandleiher empfingen ihn unter ihrem Dach, aber er traute beiden nicht über den Weg. Das einzige Lächeln, das ihn erfreute, war auf dem Gesicht einer wunderschönen Frau, deren Bild er in einem kleinen Medaillon immer bei sich trug.

Daher packte er schnell sein Bündel und fuhr zur See, um nach Jahren der Entbehrungen und des Abenteuers braungebrannt und mit gestähltem Körper zurückzukehren und seine Heimatstadt im Handstreich zu erobern. Die Enttäuschung war groß, als er merkte, dass mittlerweile eine Seuche sämtliche Bürger befallen hatte, die alle daraufhin ihr Augenlicht verloren hatten, und – was schwerer wog – die jungen Mädchen längst ausgewandert waren. Als einziger Sehender entdeckte er vom großen Turm aus als erster die Heuschreckenplage, die das Land befiel und das Elend noch vergrößerte. Er weinte vierzig Tage und vierzig Nächte, bis eine Gauklertruppe aus einem fernen Land ihn einlud, mitzufahren.

Er lehnte ab.

Stattdessen kletterte er in die Katakomben unter der Stadt, um in der Tiefe ein neuer Mensch zu werden. Mit Macht zog es ihn hinab. Schon beim Abstieg wuchsen ihm Pelz und Krallen, Sinne und Zähne wurden schärfer. Er spürte die Anwesenheit eines anderen. Sollte dies der legendäre Teufel Chronos sein, der ihn erwartete? Die Präsenz wurde, während er durch die Gänge irrte, geradezu erdrückend, aber es war kein Teufel, sondern ein Schaf in Menschengestalt, das um die Ecke bog. Es bimmelte mit einer kleinen silbernen Glocke, woraufhin sich der Boden auftat und eine Hand aus Flammen eine Schriftrolle präsentierte. Wie konnte es sein, dass das Pergament nicht zu Asche zerfiel?

"Dies ist die Antwort, die du dein Leben lang gesucht hast", blökte das Schaf.

Da ragte eine zweite Flammenpranke ihm entgegen und hielt einen kleinen Schraubenschlüssel.

"Und dies ist das Mittel, um deinem Leiden ein Ende zu bereiten. Doch nur eines darfst du wählen."

Auf seinen Reisen hatte er eine kurze Liebschaft mit der Konkubine eines Sultans gehabt. Die Frau hatte ihn die Liebe gelehrt und in die Geheimnisse der Alchimie und der Sternkunde eingeweiht. Vor allem aber hatte sie, den Kopf bereits auf dem Richtblock, den Rat zugerufen: "Oft ist die zweite Wahl die Klügere!" Zitternd griff also mein Freund den Text und begann zu lesen. Dort stand:

Wenn Sie diese Zeilen lesen, ist es schon längst zu spät. Dabei hätten Sie Ihre wertvolle Zeit doch viel besser nutzen können...

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