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Eigentlich wollte ich bei Gundolf nur  ein paar Kapseln heben und entspannt ein bisschen Fußball schauen (meine Frau hatte mit ihren Cousinen unser Wohnzimmer okkupiert), doch er kam gleich mit öligen Meeresfrüchten und Cocktails von dubioser Farbtönung an, und von so was kriege ich schon beim Anschauen Migräne. Weder Ibupropanol mit Zitronensaft noch andere Hausmittel wollten helfen, also versprach Gundolf, mich zu einem Spezialisten zu bringen, sodass wir wenigstens die zweite Halbzeit genießen könnten. Kurioserweise führte er mich durch seinen begehbaren Kleiderschrank zwischen seinen Hemden und Anzügen hindurch zu einer Tapetentür, und ehe ich mich versah, befanden wir uns in einem spätviktorianischen Londoner Herrenclub, in dem schnurrbärtige Monokelträger Whisky, Zigarren oder Roast Beef mit Vanilletunke verkonsumierten, Whist spielten oder über großformatigen Kreuzworträtsel brüteten. Mein Freund musste die Fragezeichen in meinem Gesicht gesehen haben, denn er erklärte sofort: Dieses Gebäude ist eine Zeitkapsel mit mehreren Ausgängen. Die Herren hier wissen nichts davon und erleben immer denselben, nie endenden Abend im Club. Der Typ dort hinten ist Doktor Pottins. Er kann dir bestimmt helfen. – Tatsächlich erwies sich der alte Militärarzt trotz seines Feierabends als überaus hilfsbereit, ließ sich eine Schüssel zum Händewaschen, eine leere Sauciere sowie seine Arzttasche bringen und wollte mich sogleich zur Ader lassen. Ich taumelte, plötzlich syptomlos geworden, rückwärts aus dem Salon, doch der wackere Arzt setzte mir nach und knurrte etwas von vorbeugenden Maßnahmen gegen eventuelle Rückfälle. Schon sah ich den rettenden Ausgang und landete wieder im nach Mottenpulver riechenden Verschlag. Jedoch musste ich mich nun zu meiner großen Verwunderung durch Negligés und Satinkleider hindurchwühlen, bis ich ausgerechnet im Schlafzimmer von der alten Henriette Estragon landete, die mich über Kimme und Korn einer doppelläufigen Winchester mehr als verständnislos anblickte. Allein das Versprechen, niemandem von ihrem persönlichen Zugang zum London des Fin de siècle zu erzählen, besänftigte sie und ich wurde durch den Wintergarten entlassen. Als ich wieder bei Gundolf ankam, war das Match natürlich längst vorbei, aber wenigstens mein Fahrrad stand noch da und die fettigen Sepien waren mir erspart geblieben.

10/2018

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