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Der neue Mensch, so schrieb ich dem Weltgeist ins Gästebuch, ist ein freies, reifes, souveränes Individuum, sexuell, politisch und künstlerisch aktiv, in Familie, Beruf und Gesellschaft fest verwurzelt. Der neue Mensch ist weder auf Macht noch auf Geld aus, Geltungssucht ist ihm fremd. Er ist mit sich im Reinen, Körper, Geist und Umfeld befinden sich in harmonischem Gleichklang. Er hat es nicht nötig, sich auf Kosten anderer zu profilieren. Frieden ist sein Weg. Er ist darauf bedacht, den Anderen in seiner Gänze zu erkennen. Die Welt weckt jederzeit Neugier in ihm. Er verabscheut nichts außer vielleicht Ingwer, Operetten oder finnische Filmdokumentationen. Mediterrane Weine oder Wacholderbrände hingegen erfreuen sein Herz ebenso wie anspruchsvolle, aber niemals langweilige Literatur. Der neue Mensch liest nur gute Bücher, denn wer sonst sollte dieses Prädikat vergeben können? Ist er mal von einer Lektüre enttäuscht, so spricht er nicht darüber. Lesen geschieht bei ihm grundsätzlich auf Papier; der neue Mensch daddelt nicht ständig auf seinem Smartphone herum. Er muss ja auch keine Persönlichkeitsstörung mit einer unüberschaubaren Anzahl von Followern oder sein ereignislose Dasein mit Nullnachrichten oder Statements unwichtiger Hirnis kompensieren. Und weil wir gerade beim Kompensieren von Komplexen sind: Grobklotzige Rentnerschleudern sind dem neuen Menschen ebenso zuwider wie röhrende Sportkarossen, und das Scheinargument, man könne die wehr- und hilflosen Kinder nur in einem übermotorisierten Panzer sicher zur Schule bringen, hat er schon vor der Erfindung des Fließbands verlacht, und dann den fetten Oberschichtblagen heimlich in den Tornister gepisst – ach, was sag ich: Heimlich? Nie im Leben! Heimlichkeit hat der neue Mensch nun wirklich nicht nötig. Er steht zu allem, was er tut, und ist keinem Rechenschaft schuldig. Nicht mal sich selbst oder gar dem Weltgeist, erst recht aber nicht den Idioten, die glauben, mich mit dem elenden Gebollere an die Klotür zur Eile antreiben zu können, und die mit dem neuen Menschen weniger gemein haben als die junge Juliette Binoche mit einem zwei Wochen alten Walrosskadaver. Ich bin ja gleich fertig, ihr Nervbolzen!

10/2018

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