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Irgendwann wurde mir der ganze Mist zu viel und ich beschloss, jetzt nur noch auf ganz klei­ner Flamme vor mich hinzuköcheln, bis mich irgendwer oder -was, vielleicht eine in Glitzer­tüll gewandete Feenprinzessin, eine fiebrige Seuche oder vielleicht die Veröffentlichung bis­her verschollener Black-Sabbath-Bootlegs aus meiner Lethargie reißen würde. Bis dahin wollte ich mich als Testperson verdingen. So wurde ich zusammen mit 15 weiteren Proban­den in einem abgedunkelten Kleinbus durch die Stadt gefahren (zum Freihafen, wie ich spä­ter feststellte). Alle trugen Karnevalsbrillen mit Pappnasen und zur Tarnung hatten wir farb­codierte Bezeichnungen – um Streit zu vermeiden, wurde auf Primärfarben verzichtet – und falls jemanden doch der Klarname rausrutschte, intervenierte ein um den Hals zu tragen­der Stimmenverzerrer sofort. Ich war Monsieur Türkis und so ziemlich der einzige, der we­der eine letale Diagnose, eine Vollklatsche oder ein FDP-Parteibuch hatte. Während wir Spe­zialwerkzeuge und Schutzkleidung zur Gefahrenstoffneutralisation auf ihre Funktionsfähig­keit und Bedienerfreundlichkeit überprüften (man ließ uns einen Chemikalientanker von in­nen reinigen) und ein Langzeit-EKG durchgeführt wurde, durften wir Baisertörtchen probie­ren, Lernversuche absolvieren und per Headset unsere Meinung zu neuartigen Finanzpro­dukten sowie zur sozialdemokratischen Bildungspolitik in der Hansestadt zum Besten ge­ben. Ganz blöd waren wir natürlich auch nicht: Wir kritzelten fiktive Zahlen auf die Berichts­bögen, füllten die Testformulare im Eilverfahren aus, tranken Dosenbier und spielten Karten auf dem Tanker­boden, während die Reinigungsgeräte grünliches Zeug an die Wände sprühten. Nur dass Monsieur Abricot beim Rudelpinkeln unbedingt noch eine rauchen musste, war keine gute Idee. Von der Explosion haben Sie vielleicht gelesen. Als ich aufwachte, hatten alle Leute um mich herum Facettenaugen und Saugrüssel im Gesicht. Die Ärzte hingegen äußerten sich be­sorgt über die immer stärker werdenden Abstoßungsreaktionen gegen die Spenderlunge und meine durch die Decke schießenden Leberwerte; sie geben mir noch sechs Wochen, bestenfalls, sagt Doktor Stubenfliege. Aber es war wirklich eine aufregende Zukunftserfah­rung und immerhin haben wir unser Leben in Eigenverantwortung wieder in den Griff ge­kriegt, anstatt dem Steuerzahler auf der Tasche zu liegen, wie die Sozen das tun würden. Das findet Monsieur Aubergine, nach Abricots Dahinscheiden unser neuer Interimsvorsitzender bei den Wandsbeker Liberalen, übrigens auch.

11/2018

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