logo header bak2

Drei Jahre hatte ich an dem Fliewatüüt Nano herumgeschraubt und -geschweißt, kaum eine freie Minute gehabt, die ich nicht der Reparatur dieses Wunderdings gewidmet hätte. Die Bruchstücke hatte ich auf dem Schrottplatz meines Onkels gefunden und es hatte mich herzlich wenig geschert, woher sie gekommen waren. Ich war vor allem neugierig auf die Wirkung des goldenen Knopfs mit der Aufschrift „Atmosphärenschlorp“ gewesen und konn­te es kaum erwarten, das Gerät in Aktion zu erleben. Als Treibstoff wählte ich statt Himbeer­saft die hochprozentige Variante und los ging die wilde Fahrt! Tatsächlich hatte der Fusel aus Fiedelgundes Vorratsschrank wohl die Motorleistung vervielfacht, denn das Fliewatüüt schoss nur so dahin. Bei knapp 600 Fuß Höhe zündete ich den Schlorp, da tat sich vor mir ein weißer Wolkenstrudel auf und schon war ich unserer Welt entrissen. Stattdessen sauste ich über den staubigen Boden des Roten Planeten, während marsianische Mollusken ihre benoppten Fangarme aus den Felsspalten streckten und nach mir angelten. Schutz fand ich bei Meister Feng auf dem Olympus Mons. Den Riesenvulkan hatten die Marsmonster nicht zu erklimmen gewagt und dort hatte es sich der alte Mönch in einer kleinen Grotte gemüt­lich gemacht. Er war recht froh, mich zu sehen, konnte er mir doch einen Haufen Krims­krams mitgeben, den er mit seinem alten Leben sowieso auf der Erde hätte zurücklassen sollen, so sagte er. Vertieft in seine Meditation kam er gut mit einem Reiskorn pro Jahr aus, mehr als ein Säckchen benötigte er nicht. Ich berichtete ihm noch die letzten Ergebnisse der Premier League, dann schickte er mich fort. Beim Rückflug machte ich sehr kurze Bekannt­schaft mit Nick Filou, der vor ein paar Jahren das Große ß erfunden und dessen Verwendung als Druckbuchstabe zu verantworten hatte und der auf der Flucht vor dem gerechten Volks­zorn versuchte sich nach dem Mars abzusetzen. Kaum hatten wir ein paar Höflichkeiten aus­getauscht, wurde ich auch schon Zeuge, wie er von drei Marsianertentakeln in drei verschie­dene Felsspalten gezerrt wurde. Die Tatsache, dass er in toto sowieso in keine der Spalten gepasst hätte, bot nur wenig Trost, und bevor es allzu unappetitlich wurde, wandte ich mich ab. Der erneute Druck auf die Goldtaste verursachte in der dünnen Marsatmosphäre jedoch keinen Schlorp, sondern einen chronokataklystischen Quantenkollaps, der mich quer durchs Riemann-Kontinuum an den Rand der Galaxis und ein paar Milliarden Jahre in die Zukunft schleuderte. Dort konnte ich dem Werden und Vergehen ganzer Sonnensysteme zu­schauen, der Geburt eines schwarzen Lochs beiwohnen und eventuell sogar die Feinstruk­turkonstante nachmessen. Wollte ich aber nicht. Ich wollte nur noch zurück nach Hause. Zum Glück hatte mir der Alte vom Berge einen großen Topf Anti-Zeit mitgegeben; mit der im Tank wirbelte ich zurück zu Onkelchens Schrottplatz, landete aber extrem unsanft. – Als ich erwachte, blickte ich in das das missbilligende Gesicht Fiedelgundes, die mich in den Trüm­mern des Fliewatüüts neben einer leeren Flasche Himbeergeist bewusstlos aufgefunden hat­te. Auf der Erde waren gerade mal zwei Tage vergangen, leider aber auch genau die Abgabe­frist für meine Hausarbeit verstrichen. Was ich zwischendurch erlebt habe, glaubt mir natür­lich wieder keiner, aber gelohnt hat sich‘s doch.

10/2018

Texte

Texte

Mumpitz alphabetisch

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok