Das Spiel der Götter, das aus einem Streit auf dem Olymp entstanden ist. Zeus sagte: „Ich könnte, wenn ich wollte…“, woraufhin Apollo erwiderte: „Aber dann würde ich…“ So erdachten sich die beiden Welten, die nie ein Mensch zuvor gesehen hatte - da das Menschengeschlecht noch nicht auf der Erde wandelte. Erst nach zweieinhalb Zeitaltern kam der Göttervater auf die Idee, man könnte Wesen erschaffen, die sich wiederum Welten ausdenken usf. Bis heute ist nicht endgültig geklärt, ob unsere Existenz den Status eines (zugegeben: sehr, sehr komplexen) göttlichen Gedankenspiels überschritten hat.

Nach weiteren zweieinhalb Zeitaltern der Langeweile auf dem Olymp schlug Apoll neue Regeln vor, die im Wesentlichen bis heute gültig sind. Wir geben die Version für zwei Spieler wieder:

Jeder der Spieler denkt sich eine Person aus, die der andere raten muss. Der Name dieser Person wird auf eine Betonplatte gemeißelt, welche mit der Stirn des Gegenspielers verschraubt ist. Anschließend versucht jeder Spieler, sich der von ihm zu ratenden Identität mit ja-/nein-Fragen zu nähern, bis er die gesuchte Person herausgefunden hat. Ein Spieler ist dabei der Suchende, der andere ist das Orakel. Der Suchende stellt seine Frage und das Orakel muss die frage korrekt beantworten, d.h. so, dass die Antwort nicht in grobem Widerspruch zur Wahrheit steht und ein „ja“ oder „nein“ eindeutig zu erkennen ist. Bei einem „ja“ darf weiter gefragt werden, bei einem „nein“ tauschen die Spieler die Rollen von Suchendem und Orakel. Ein „vielleicht“, „jein“ oder „unbestimmt“ zählt dabei als halbes „nein“. Da zweite „jein“ in einem Fragedurchgang wird als „nein“ gewertet. Ein echtes „nein“ löscht ein eventuell bestehendes „jein“ jedoch. Ist die Antwort auf die Frage dem Orakel nicht bekannt (dies kann vorkommen, wenn tatsächliche Individuen mit begrenztem Wissen gegeneinander spielen), zählt dies nicht als „unbestimmt“. Wer damit als erster seine Identität erraten hat, gewinnt. Der Verlierer muss ein Jahr lang bei dem Sieger den Staubsauger oder ein anderes Rohr schwingen.

Soweit die Grundregeln. Die folgenden Varianten sind zum Teil miteinander kombinierbar.

Intellektuelle Variante: Es gelten die Grundregeln. Nur werden die Fragen im komplizierten Satzgefügen formuliert, die jeweils mindestens einen Objektsatz beinhalten müssen, wie etwa „Gehe ich denn recht in der Annahme dass…“, wohingegen die Antwort eine Umschreibung im Stil von „dem ist so“ umfasst. Wer es anders macht, muss der Stadt 6 und dem Richter 60 Pfennige bezahlen.

Weicheier-Variante: Statt Betonplatten werden Zettel genommen, die auf die Stirn geklebt werden. Auf Schrauben wird verzichtet.

Spaßvariante: Bei jedem „nein“ werden nicht nur die Rollen getauscht, sondern der Fragende muss noch einen Brandy trinken. Das Orakel muss trinken, wenn es die Antwort nicht weiß.

Weicheier-Spaßvariante: Sherry statt Brandy. Fragen nach dem genauen Ort im Buch oder Verlauf einer Serie („Werde ich auf Seite 61 erwähnt…“) sind verboten.

Parallelsemiotische Variante: Die Frage nach dem Fiktionalitätsgrad, dem ontologischen Status oder dem Urheber der gesuchten Identität ist verboten.

Schwurbulenz-Variante: Jeder Spieler denkt sich zwei Identitäten aus: Die eine muss der Gegenspieler durch Fragen erraten, die andere schaltet man als Filter vor den Antwortprozess. D.h. man antwortet aus der Perspektive und mit dem Wissen der zweiten Figur. Auch diese Identität muss vom Gegenspieler erraten werden. Die Kunst ist also, erst dann seine Auflösefrage „Bin ich …“ zu stellen, wenn man aus den Antworten genügend Informationen über die zweite Figur hat.

Parallelsemiotische Schwurbulenz: Bisher haben sich erst zwei Leute an eine solche Runde getraut. Sie sitzen im Behandlungsraum für unfreiwilige Privatpatienten in Gehirnthalers Keller und haben die Bedeutung des Wortes Tageslicht mittlerweile vergessen.