Gestern Nacht traf ich unerwartet auf Heinz. Heinz hält sich tagsüber nicht in meinem Flur auf; er lebt in meinem Küchenabfluss und ich erkannte ihn daher zunächst nicht: Gesehen hatte ich ihn noch nie und seine Stimme, mit der er sich meist in höflichem Tonfall über die im Abwaschwasser fluktuierenden Essensreste bedankte, klang bisher durch das Abflussrohr so hohl verzerrt, dass ich sie zunächst nicht zuordnen konnte. Und ehrlich gesagt: Auch wenn mir sein Aussehen bis dato nicht be­kannt gewesen war, war es doch eine überaus seltsame Idee gewesen, eine mit dreizehn Fangarmen und drei Stielaugen ausgestattete Kreuzung aus Rippenqualle und kaputtem Fußball ausgerechnet auf den Namen Heinz zu taufen. Vielleicht hatte er mich irgendwie an meinen Großonkel erinnert. Der hieß auch Heinz und war ein Schluckspecht, ist nun aber schon seit zwanzig Jahren tot.

Heinz der Jüngere jedenfalls saß im Flur auf dem Parkett und grüßte freundlich. Als ich zunächst nicht reagierte (ich war eigentlich noch im Halbschlaf und hatte das Bett nur verlassen, um das WC aufzusuchen – das passiert leider seit nunmehr fünf Jahren fast jede Nacht), wurde er deutlicher: „Ich bin's: Heinz. Du weißt schon – der aus dem Spülstein."

„Ach, entschuldige... ich habe dich gar nicht erkannt", brummelte ich und versuchte mich an ihm vorbeizustehlen. Doch da bemerkte ich, dass Heinz noch weitere Untermieter dabei hatte, die mir sogleich den Weg verstellten.

„Sparky – du auch hier?", fragte ich verwundert.

„Höchstpersönlich", antwortete der zu einer unansehnlichen Kugel zusammengeschrumpelte Be­lag von meinem Badezimmerspiegel. „Und Sibber und Glibber sind auch anwesend."

Sparky hatte Recht. Sibber lebt normalerweise in hinteren Winkel meines Kühlschranks, Glibber im Flusensieb der Waschmaschine. Beide sind mit „amorphe organische Masse von undefinierbarer Farbe" noch höflich beschrieben und bildeten ein Mikrospalier für mich.

„Und wir auch", meldeten sich ein paar aus den Zimmerecken zusammengelaufene Wollmäuse, während das Rostmonster und das verfluchte Fliegengitter stumm am Rand standen...

„Ja, sagt mal, wo... was macht ihr denn alle hier?" Ich war wirklich verblüfft, die Zusammenkunft der Ekelhaftigkeiten in meinem Flur anzutreffen.

„Ja, weißt du...", begann Sparky.

„Um es kurz zu machen...", druckste Glibber herum.

„Es ist nichts Persönliches...", meinte Heinz. Ich roch den Braten.

„Ich verstehe schon", maulte ich. „Ich habe euch groß gemacht mit Käsekrümeln, Staubflusen, Kaf­feeresten, Bierflaschenabdrücke, Kalkrändern und nicht weggewischten Niesern, und als Dank da­für wollt ihr mich aus dem Weg räumen, weil ich ansons­ten eure Pläne zur Ergreifung der Welt­herrschaft behindere. Stimmt's?"

„Du übertreibst", erwiderte Glibber. „Wir haben einen Verein für gehobene Diskussionskultur ge­gründet und wollen nur unseren Einflussbereich etwas ausweiten. Du störst uns auch eigentlich nicht, aber wir benötigen etwas von dir, was nur du uns geben kannst."

„Ach was."

„Dein Gewissen nämlich", ergänzte Sibber schüchtern.

„Wie bitte?"

„Wir wollen eine lokal begrenzte Schreckensherrschaft des Unrats errichten, sind uns aber über die Feinziele nicht einig. Daher suchen wir eine höhere Instanz, an der wir uns orientieren kön­nen."

„Und da seid ihr gerade auf mich gestoßen?", rief ich ungläubig.

„Nun ja, erstens wohnen wir ja auch hier, und zweitens ist dein Gewissen so rott und verderbt, dass es uns insgesamt gut in den Kram passt", sagte Heinz.

„Nennen wir es Minimalkonsens", sekundierte Sparky.

„Und ihr glaubt, ich würde als moralisches Alibi bei eurem Club mitmachen –" Ich wollte dankend ablehnen, aber Sparky kam mir zuvor:

„Das nun auch nicht gerade. Wir haben vor, dir dein Gewissen zu entfernen: Heinz wird mit seinen Tentakeln in deine Körperöffnungen eindringen und von verschiedenen Seiten deinen Hypothala­mus einkreisen. Dort vermuten wir dein Gewissen. Mit Hilfe von Neurotranszendentalstrahlen wird er es dann aus deinem Gehirn aussaugen und jeden von daran teilhaben lassen."

„Und ich werde dann Immobilienmakler oder Redakteur bei Focus TV, oder was?"

„Solltest du den Eingriff überleben, hättest du dann wohl kein Gewissen mehr. Das ist es doch, was du vermutest hast, oder?"

Langsam wurde mir ein wenig mulmig. Die Kanaillen schienen es ernst zu meinen. Nicht dass ich auch einen Furz auf die Neurotranszendentalstrahlen gab, aber die Vorstellung, Tentakel ins Ohr gesteckt zu bekommen, die vorher in meinem Spülwasser gebadet hatten, war nicht schön.

„Und wenn... und wenn ich nun gar kein Gewissen habe?"

„Das haben wir uns auch schon gefragt. Und sind dann zu dem Schluss gekommen, dass wir dann einfach Heinz zu unserem König wählen", erläuterte Sibber. „Dann ist unsere Leitlinie halt sein Ge­wissen."

„Ach nun auf einmal. Warum macht ihr das nicht gleich?"

„Wir erhoffen uns, auf diese Weise etwas über die menschliche Natur herauszufinden. Immerhin bewohnt ihr zu Milliarden diesen Planeten. Falls wir unseren Einflussbereich doch noch etwas aus­weiten wollen, sollten wir auf ein paar Eventualitäten vorbereitet sein", erklärte Heinz sachlich und ich wünschte mir die schönen Tage zurück, an denen seine Stim­me so hohl und fern geklun­gen hatte und wir stundenlang über Tensid-Allergien, den Unterschied zwischen Edelschimmel und Speiseschimmel und die Frage diskutiert hatten, warum Kapern per­fekt durch die Löcher im Ab­flusssieb passten, Olivenkerne aber gerade nicht.

Ich schlug vor: „Aber ihr könntet mich doch einfach mitmachen lassen bei eurer Revolte. Lebendig bin ich sicher viel nützlicher."

„Wie gesagt, es ist nichts Persönliches, aber wir trauen deinem latenten Spzeziezismus nicht über den Weg. Menschen neigen dazu, ihre Artgenossen gegen die Angriffe von Flusensiebbewohnern und Wollmäusen zu verteidigen. Das liegt an den Spiegelneuronen."

Ich geriet immer mehr in die Defensive: eine Rolle, die mir überhaupt nicht zusagte, insbesondere weil der Raum zum Zurückweichen nunmehr auf die Schwelle vor der Schlafzimmertür beschränk­te. Die Liga des Unrats bildete einen unfreundlichen Halbkreis um meine Person.

„Ich glaube, wir haben hinreichend viele Argumente ausgetauscht und unsere Positionen klarge­macht. Du solltest nun ein bisschen entspannen und vielleicht noch einmal das WC benutzen. Du weißt schon..."

„Wartet mal", knurrte ich und zeigte auch die Tür hinter mir. „Da drin liegt meine Freundin. Die ist vom Putzteufel besessen und wenn ich sie rufe, dann fegt sie euch alle weg. Sucht euch lieber einen anderen Hypothalamus!"

Das Wort „Putzteufel" zeigte durchaus Wirkung. Die Wollmäuse verkrochen sich sofort wieder in den Ecken und das Fliegengitter trat in die zweite Reihe zurück. Aber Sparky, Sibber, Glibber und Heinz blieben unbeirrt.

Nach einem Moment des Schweigens meinte Sparky „Du bluffst!" und rollte ein paar zögerliche Zentimeter auf mich zu. Aber ich war jetzt erst auf Betriebstemperatur.

„So, glaubst du. Dann passt mal gut auf." Ich öffnete die Tür hinter mir, ging ins Schlafzimmer und klaubte eilig zusammen, was ich auf dem Kopfkissen und um das Bett verstreut auf dem Boden fand: einen Gummihandschuh, einen genoppten Heizkörperreiniger, eine leere Universalsprühfla­sche, den abgerundeten Stiel einer Spülbürste, die obligatorische Saugglocke...

„Da, seht ihr? Ihr zweiter Vorname ist Hygenia. Sie gurgelt dreimal täglich mit Domestos und in ih­ren Adern befindet sich flüssige Seife. Seht zu, dass ihr Land gewinnt!"

Schon war ich wieder allein im Flur.

„Es war wirklich nichts Persönliches", klang es wieder gewohnt hohl und fern aus der dunklen Kü­che.

„Schon gut", murmelte ich und schloss die Küchentür.

„Mit wem redest du?", fragte meine Liebste, die nun doch wach geworden war.

„Ich..? Oh, mit Niemandem. Ich muss wohl noch im Halbschlaf gewesen sein. Ich wollte eigentlich nur mal aufs Örtchen."

„Na dann..." Sie drehte sich um war schon wieder eingeschlafen, als ich mich wieder hinlegte.

Ich lag noch ein paar Stunden wach. Vielleicht sollten wir in Zukunft besser bei ihr übernachten.