Ein Mann steht noch ziemlich verschlafen am Regionalbahnhaltepunkt Schlurendorf Ost und betrachtet den Sonnenaufgang, da hält neben ihm der Zug der Verdammten. Im morgendli­chen Tran steigt er ein. Normalerweise lässt ihn der Schaffner, sein Spezi, in der ersten Klas­se mitfahren, aber da sitzen jetzt die ganz großen Namen, Hans Filbinger, Martin Winter­korn, Andrew Lloyd-Webber und natürlich deren Anwälte. Der Mann hingegen setzt sich in die Zweite und lernt dort Emil F. kennen, den Erfinder des Hitti-Hitti, die ewige Verdammnis hat er aber für seine Idee, hypoallergene Säuglingsnahrung mit Tapetenkleister zu stecken, auf sich gezogen. Schließlich fragt der Mann den Schaffner, wie weit es denn noch bis zur Endstation ist, und der antwortet: Ach, wir sind nur eine Schleife gefahren, die letzte Halte­stelle ist Schlurendorf Ost. - A propos Anwälte: Sibylle T. war im Streit mit ihrem Vermieter, weil ihr das Badezimmer nicht gefiel. Sie hätte ja umziehen können, aber so schnell wollte sie nicht klein beigeben. Der Hauswirt hatte eine Münchner Kanzlei an der Hand, die nach­wies, dass ein durchgekachelter Nassraum mit Wasseranschluss und einem Eimer drin durchaus als vollwertiges Bad anzusehen ist; Sibylles Advokat jedoch (ein abgewrackter Schluckspecht, der es noch einmal wissen wollte) warf die niemals außer Kraft gesetzte Reichsreinigungsgeräteverordnung von 1892 ins Feld: Der gemäß muss jeder als solcher ver­äußerte Eimer behenkelt sein (was er aber nicht war). Die Staranwälte mauerten und noch vor der Urteilsverkündung brannte die Immobilie ab. Der Hausbesitzer überlebte knapp und spendete zum Dank sein gesamtes Vermögen den Guttemplern. Sibylle hat schlussendlich Recht bekommen, geht aber wohl leer aus. - Trotzdem: Um den Sieg zu feiern, setzt sie sich in die Bahnhofskneipe und spendiert eine Runde Hitti-Hitti. Da kommt ein immer noch ziemlich verwirrt dreinblickender Typ rein und bestellt einen laktosefreien White Russian. Ihr werdet nicht glauben, was mir gerade passiert ist, murmelt er. Doch bevor er erzählen kann, kommt sein Drink. Er probiert, schluckt angewidert und fragt den Wirt: Machen Sie den etwa mit Milchpulver? Zerknirscht zeigt der Gastwirt eine Packung Milupa. Dachte ich mir, sagt der Mann, schmeckt irgendwie nach Tapetenkleister.

08/2018