Es war wieder ein Jahr rum: Zu St. Clothilden holte ich die Teufelsuhr vom Dachboden, entstaubte sie und lauschte ihren Schlägen zur Mittagsstunde. Beim ersten Glockenschlag verstummten die Gartenvögel, bis auf den frechen Zaunkönig, der immer ein wenig länger durchhielt. Beim zweiten Schlag senkte sich Nebel auf das Land und ein Sturm zog auf. Das Dachgebälk knarzte schon. Als die Uhr das dritte Mal läutete, stimmten die Hunde und Katzen ein markerschütterndes Gejaul an. Außerdem fiel das Bildnis der heiligen Clothilde von der Wand (aber das mag Zufall gewesen sein). Beim vierten Schlag der Uhr verdarben Milch und Sahne in der Speisekammer. Die Kraftstoffpreise stiegen ins Unermessliche und jetzt war auch der Zaunkönig still. Als der Ton das fünfte Mal erklang, erlitt Lüder, das Zwergkaninchen, eine Herzatacke und verschied. Ein Gefühl der Beklemmung ergriff von uns Besitz. die Buchstaben meiner geliebten Hörzu begannen vor meinen Augen zu tanzen und Helene Fischer kündigte eine Ostasientournee an. Beim sechsten Ton hängte sich wieder einmal unsere FritzBox auf. Eisenbahnen stürzten von den Brücken, Tesastreifen und Deoroller versagten den Dienst. Beim siebten Glockenschlag spielten die Börsenkurse verrückt und die Kanzlerin hielt eine Fernsehansprache. Beim achten Ton der Uhr verfärbte sich der Himmel grün und aus Erdspalten und Gullydeckel strömte beißender schwefliger Gestank. Blut verwandelte sich in Bier und Wein in Jauche und das Gerücht, ein bisher unveröffentlichtes Manuskript von Stefan Heym sei aufgetaucht und werde demnächst ediert, verbreitete sich in den sozialen Netzwerken wie ein Buschfeuer. Und als es zum neunten Mal läutete, wickelten sich alle zehn Dimensionen des Raum-Zeit-Kontinuums um Johnny Cashs ausgestreckten Mittelfinger. Das triumphierende Schnaufen des Versuchers überzog das Land mit Elend, Schrecken, Wahnsinn. Beim zehnten Schlag der Teufelsuhr war ich bereits eingeschlafen. Es war ohnehin ein harter Vormittag gewesen.

08/2018