Meine Nachbarin, nennen wir sie Irmela, singt. Sie hatte einige meiner Gedichte vertont und als sie sie mir vortrug, fielen mir mit einem Schlag sämtliche Haare aus. Das war ihr todpeinlich, mir aber auch, da nach zwanzig Jahren das Flokfolk-Tatoo zum Vorschein kam (eine Jugendsünde, die alten Platten höre ich längst nicht mehr). Irmela bot als Entschädigung an, ich dürfte mir auf ihre Kosten eine Perücke aussuchen, das fand ich korrekt. Ich war gerade im Sabbatjahr und wollte rotblonde Dreads, doch das einzige Modell, das mir gefiel, war nur in einem Laden in einem malaiischen Inselparadies zu bekommen. Dessen Webshop war aus Steuergründen gerade geschlossen worden; mir wurde jedoch telefonisch bestätigt, das Toupet bliebe zur Selbstabholung noch ein paar Jahre reserviert. Nachdem wir einander versichert hatten, außer ein bisschen Sightseeing keine Hintergedanken zu verfolgen, beschlossen Irmela und ich gemeinsam zu reisen. Ich packte die Koffer, sie überfiel noch kurz einen Geldtransporter und erstand dann zwei Tickets für die Postrakete nach Bangkok. Den Rest der Reise legten wir im Tretboot zurück, bis wir in der einzigen Siedlung der Trauminsel tatsächlich den Perückenladen fanden. Der Toupetier (Toupetist?) hatte aber mittlerweile ein Vermögen beim Online-Poker gemacht und schenkte uns seinen gesamten Bestand aus dem Lager, welchen wir (zur Deckung von Irmelas Reisekosten) gleich auf dem Basar versilbern wollten. Unser erster Kunde war Karl Scheuermilch, genannt Ranko, ehemals Bassist bei Flokfolk, der sich mit einer Gruppe strandbrauner Cousinen in einer Basthütte niedergelassen hatte, einen Surfblog betrieb und selbst angerührte Gewürzteemischungen verhökerte. Wir jammten eine Runde und verstanden uns prima; ich konnte ein paar Monate bei ihm wohnen, während Irmi schon mal zurückflog und auch in meiner Wohnung nach dem Rechten sah. Als mich die Rakete gen Heimat flog, waren die Haare wieder nachgewachsen – zu meiner großen Überraschung sogar rotblond. Aber da mein Sabbatical vorbei ist, verzichte ich vorerst auf die Dreadlocks. Man will ja nicht anecken.

08/2018