Auf meinen zahlreichen – allesamt in der ersten Lebenshälfte durchgeführten – Reisen ver­schlug es mich einmal nach Shangri-La. Es mutete sich herrlich an: Überall in der Klosteran­lage ertönte liebliche Musik, herrliche Speisen wurden gereicht, es dufte nach Frühling, Flie­der und Pheromon und die Rundum-Versorgung durch in knappes Tüll gewandete zauber­haft dreinblickende Dienerinnen ließ nichts zu wünschen übrig. Gar nichts. Jedoch schon am dritten Tag wurde die Idylle gestört. Die Wachen drangen ohne an­zuklopfen in meine Suite und forderten mich auf, mitzukommen. Der Großrettich höchstpersönlich verlangte mich zu sprechen. Sie warfen mir einen Bademantel über, zerrten mich nach Nebenan in den Gelben Saal (es ist alles sehr fußläufig dort) und ließen mich dort auf den grob geknüpf­ten Sisaltep­pich fallen. Und mein Erstaunen wuchs noch, als ich in dem weltlichen und geist­lichen Ober­haupt des märchenhaften Tals Frau Dr. Camilla von Knirsch erkannte, mit der ich mal auf ei­ner Tagung in Leinfelden-Echterdingen ein Hoteltechtelmechtel begonnen, aber nicht zu Ende gebracht hatte (die letzte Flasche Blue Curacao war schuld, aber das hatte mir Camilla damals schon nicht geglaubt). Die Anklage wurde um mehrfaches Erregen öffentli­chen Är­gernisses erweitert und ein Tribunal wurde einberufen. Die Jury bestand, wie sollte es ande­res sein, aus drei Handvoll meiner Verflossenen, und zwar nicht gerade jenen, mit denen die Trennung in aller Freundschaft vollzogen worden war; als Pflichtverteidiger wurde mir ein verkommener Hansel an die Seite gestellt, der selbst gerade wegen unerlaubten Be­treibens einer Flaschenbierkneipe eine zwölf Zyklen andauernde Dunkelhaftstrafe absaß und der in Hoffnung auf Strafminderung ganz sicher nicht in meinem Sinne argumentieren würde. Kurzum: ein abgekartetes Spiel. Da half nur noch Trick Siebzehn, das hieß in diesem Fall: schuldig bekennen in allen Anklagepunkten, öffentlich bereuen; dann Sonnenbrille abnehm­en und schließlich die ganze Truppe zu Tagliatelle mit Steckrübentrüffeln einladen. Es wirkte. Der Hansel wurde wieder ins Kellerverlies gesperrt und ich in die Großküche expe­diert. Während die Helferlein die prall gefüllten Speisekammern nach den Trüffeln absuch­ten (das konnte dauern, in Wirklichkeit hatte ich immer Austernpilze genommen, aber psst!), ver­drückte ich mich durchs Ofenrohr. Doch in der Tupolew gen Heimat gab es die nächste böse Überraschung: Frech grinsend besetzte Camilla den Sitzplatz neben mir und öffnete mit lau­tem Klacken ihren Aktenkoffer. Die Handschellen darin ließ sie liegen, aber sie steck­te mir gleich die Einladung zur nächsten Jahrestagung in die Bademanteltasche und füllte aus ei­nem Flachmann zwei Plastikgläser mit quietschgrünem Bananenlikör. Immerhin hatte sie auch meine Sonnenbrille dabei. Na, dann prost!

12/2020