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Wer kennt das nicht: Einmal zu viel am Elfenstaub geschnüffelt, ein paar Stunden mit Eselskopf rumgelaufen und beim Aufwachen ein Piercing an einer dermaßen peinlichen Stelle gefunden, dass man es nicht einmal dem Frisör zeigen mag, und das zudem noch juckt. All das ist mir nicht passiert. Stattdessen wurde ich zum ersten gemeinsamen Kongress der Flachwelttheoretiker und der Gesellschaft der hohlen Erde nach Lyon eingeladen, um über Bildfälschungen mit Photoshop zu referieren, und trotz einer fetten Erkältung sagte ich zu. Da der Reisekostenzuschuss extrem mager ausfiel, fuhr ich mit Weird Tours im Überlandbus, der auf dem Weg noch den Ortsverband der Satruper Wünschelrutengänger nach Tirol karren, drei so genannte Sonnenkinder am Bodensee und einen Anthroposophen namens Philemon in Zürich abliefern und Kelly und Molly, zwei junge Mondanbeterinnen, irgendwo anders hinbringen sollte. Der etwas altersschwache Bus schaffte es gerade mal bis kurz hinter Neustadt am Rübenberge, wo wir auf einem Parkplatz mit rauchendem Motor stehen blieben und des Pannendienstes harrten. (Es könne dauern, hatte eine knäksende Stimme dem Fahrer mitgeteilt.) Als Ursache für die Störung wurden eine verschimmelte Zylinderkopfdichtung, Erdstrahlen, kosmische Teilchen sowie negative Energie vermutet. Die Meinungsverschiedenheiten heizten die Stimmung gehörig auf und zur allgemeinen Beruhigung sowie gegen möglichen Lagerkoller gab jemand seine Puderdose rum und alle durften mal die Nase reinhalten – niedlich klimperndes, duftendes Glitzerpulver aus einer Dose mit der Aufschrift „From Avalon with Love“: schön blöd, wenn Sie mich fragen, aber sogar der Fahrer, der nicht damit rechnete, innerhalb der nächsten 12 Stunden seine Fahrtüchtigkeit unter Beweis stellen zu müssen, nahm eine Prise. Nur ich lehnte aus Infektionsschutzgründen ab und rollte mich in eine Schlafdecke. Als mein Fieber bei 38,5° war, waren meine Reisegefährten komplett weggetreten und die Mogrifikation setzte ein: ihnen wuchsen Eselsohren, Eselsschnauzen und dergleichen mehr. Da kam endlich der Pannendienst, aber der Mechaniker erblickte den Haufen vor dem Bus liegender Chimären und trat das Gaspedal durch. Stattdessen öffnet sich erneut die Ladeklappe des Busses und ein Zwerg im Blaumann, aber ohne Zipfelmütze, stieg heraus. Er strich seinen Backenbart glatt und bedeutete mir grinsend, leise zu sein. Sogleich förderte er aus zahlreichen Taschen sein elfteiliges Piercing-Besteck ans Tageslicht und machte sich zunächst bei einem der Wünschelrutenfritzen ans Werk. Da verlor ich auch schon schüttelfrostgeplagt das Bewusstsein. Was dann passierte, weiß ich nicht. Nur einmal war mir, als wäre ich kurz aus dem Fieber erwacht und hätte beobachten können, wie die die Halbesel verdammt seltsame Dinge miteinander taten – die Details will ich aber hier verschweigen, es könnte schließlich auch alles nur ein Fiebertraum gewesen sein. – Am nächsten Morgen, nach der Morgentoilette (auf einem Autobahnparkplaz ohnehin nicht das reine Vergnügen), hatten die meisten ein ziemlich betretenes Gesicht aufgesetzt; andere blickten misstrauisch in meine Richtung, als sie die kleine Zange sahen, die irgendwer in meine Hemdtasche gesteckt haben musste. Nur die beiden Mondmädels grinsten mich frech an. Da piepste mein Telefon und ich erfuhr per SMS, dass der gemeinsame Kongress wegen neu aufgetretener unüberbrückbarer Differenzen vorzeitig beendet worden war und mein Vortrag somit abgesagt sei. Ich wünschte allen eine gute Weiterreise und trampte nach Hause, um mich mal ordentlich auszukurieren. Kelly und Molly schreiben mir seitdem regelmäßig Ansichtskarten. Die letzte kam aus Mexiko.

10/2018

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